Fehde Ansage

Lebendiges Brauchtum nach historischem Vorbild

Unsere Neubürger und auch unsere einheimische Jugend werden sich wohl keinen richtigen Reim daraus machen können, wenn die Freischar mit ihrer Fehdeansage versucht, das Schützenfest aus den Angeln zu heben. Gar oft hat man das wahrhaft komisch anmutende Spiel der Freischar und der Bruderschaft an den Schützenfesten beobachtet, aber man hatte keinen richtigen Sinn in diesem Brauch gesehen. Blättert man aber die Analen einige Jahrhunderte zurück, so muss man feststellen, dass sich hinter dem Spiel der Freischar eine alte Tradition verbirgt, die man bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Die folgende überlieferte Erzählung soll den historischen Hintergrund des heutigen Brauchs darstellen:

Im Jahre 1603 versuchte des protestantisch gesinnte Graf von Neuenahr und Moers durch seine Söldner unsere Vorfahren an der Abhaltung und Durchführung der Fronleichnamsprozession zu stören.

Die Grafschaft Moers schickte einen Hauptmann mit 20 berittenen Söldnern nach hier, die den Auftrag und Befehl hatten, die Fronleichnamsprozession zu behindern. Sie postierten sich auf dem Kaldenberg in Latum, wo sie den Weg mit ihren Pferden verbauten. Die Schützenbruderschaft, die wie immer den Schutz der Prozession übernommen hatte, gerieten in Rage und hielten "Kriegsrat". 15 Mann gingen sofort nach Hause, um ihre Pferde zu satteln. Man traf sich wieder an der "Eschdonk". Dort hielt man sich auf ein Zeichen wartend bereit. Inzwischen zog die Prozession weiter, Am Kaldenberg, wo die Söldner die Prozession erwarteten, kam es dann zu einer Rauferei zwischen Schützen und Söldnern. Die berittenen Schützen hatten inzwischen einen Weg durch die Benden und Striebruch gebahnt, um in den Rücken der Söldner zu kommen.Dann, ein Hornsignal, und im Galopp ging es dann in die "Schlacht". 15 berittene Schützen fallen über die Söldner her, reißen sie von den Pferden und machen sie zu Gefangenen. Der Hauptmann mit 5 Söldner suchen zu entkommen.

Die Gebrüder Kreuels aus Bösinghoven, sie waren körperlich gut gebaut, hatten große Kräfte und in dieser Hinsicht einen besonderen Ruf, nahmen die Verfolgung auf. In Stratum kam es dann noch einmal zu einer Feindberührung. Ein heißer Kampf entspann sich, zwei gegen 6 Mann! Die Gebrüder Kreuels schlugen kräftig zu, wurden selbst auch angeschlagen, brachten dann aber noch drei Gefangene mit. Bei ihrer Rückkehr wurden sie stürmisch gefeiert. Am Spätnachmittag meldeten die Vorposten, die man zur Vorsicht aufgestellt hatte, dass der Hauptmann wiederkäme.

Man traute ihm zu, dass er mit Verstärkung wieder anrücken würde, aber er kam nur mit den beiden Söldnern. Sie wurden vorgelassen und der Hauptmann erkundigte sich nach seinen Mannen.Er gab an, dass, falls man die Leute freigäbe, er nicht mehr in Lank-Latum aufkreuzen würde, um die Prozession zu behelligen. Er hatte auch einen Geldbeutel mitgebracht, als Belohnung für die Gebrüder Kreuels, die sich so tapfer geschlagen hätten. Er wollte sie gerne für den Dienst der Grafschaft anheuern; aber die Gebrüder lehnten ab und übergaben den Geldbetrag an die Bruderschaft, die damit der armen Bevölkerung helfen sollte. Für das tapfere Verhalten der Bruderschaft gegen die Söldner der Grafschaft Moers ist unsere Bruderschaft 1624 durch den Erzbischof und Kurfürsten von Köln belohnt worden. Sie erhielt als Geschenk die Armbrust in Silber, die heute noch im Besitz der Bruderschaft ist. An der Armbrust befinden sich zwei Wappenschildchen von Kurköln.

Aus dieser ganzen Angelegenheit resultiert auch, dass die Pankratius-Bruderschaft Ossum-Bösinghoven in der der Fronleichnamsprozession von Lank-Latum lange ihren Platz hatte.

Wenn man schon über die Fehdeansage schreibt, so darf man selbstverständlich nicht unterlassen auch die Ausrufer (=Ansager) etwas zu beleuchten. Es sich die "Freischärler" der Kompanie Freischar Latum von 1608, die bei jedem Schützenfest den Kaldenberg in einen "Kriegsschauplatz" umfunktionieren. Es werden Barrikaden errichtet und Wachtürme aufgestellt, um den "Feind" recht früh zu erkennen und aufhalten zu können. Die Mittelstraße bis zum Kaldenberg gleicht einem Heerlager. Schon an den Vortagen hat man in der Umgebung Karrenladungen von Brennesseln geerntet, um sie als "geheime Waffe" zu verwenden. Die Entstehungsgeschichte dieser uralten Sitte ist bis heute nicht geklärt, aber man vermutet, dass es ein "Erinnerungsspiel" ist. Leider sind uns durch Feuer und Kriegsgeschehen viele Unterlagen und Aufzeichnungen der Schützenbruderschaft verlorengegangen.

Am Schützenfest-Sonntag hält nun die Freischar in der Pfarrkirche einen eigenen Gottesdienst ab, der früher vom "Rebellenkaplan Hohn (verstorben) zelebriert wurde Heute hat die Freischar einen neuen "Rebellenkaplan" mit dem eigenen "Ortsgewächs "Andreas Mauritz gefunden.Zum Schützenfest marschiert er selbstverständlich in ihren Reihen mit und steigt auch mit ihnen auf die Barrikaden. Bereits schon morgens nimmt er hoch zu Roß an der Fehdeansage teil. Nach dem Gottesdienst marschiert die Rebellengruppe zum Hauptquartier, wo dann nach Landsknechtsart gefrühstückt wird.

Gegen 11.00 Uhr folgt der große Aufmarsch zur "Kriegserklärung" auf dem Markplatz in Lank hoch zu Roß Hauptmann mit Adjutant und "Rebellenkaplan". Die Hauptleute der letzen 50 Jahre waren: Franz-Josef Prossegger, Paul Bettendorf, Willi Beeser, Johann Onnertz, Josef Radmacher und Heinrich Spennes. Auf dem Markplatz angekommen, kommt es zu der beschriebenen "Fehdeansage", was meistens in übertriebener Manier zelebriert wird. Auch bei diesem Treiben kommt der Humor zu seinem Recht, und für die vielen Schaulustigen ist es eine wahre Wonne, dem Palaver beizuwohnen. Da es zu keiner Einigung kommt, wird für diesen Tag das Kriegsbeil ausgegraben und man marschiert wieder in die Latumer Quartiere zurück, um sich für den "entbrannten Krieg" zu stärken. Nachmittags versucht man dann auf Schleichwegen sich der Königin oder anderer "Schützen-Würdenträger", oft des Kriegsministers zu bemächtigen, um ein Lösegeld zu erzwingen. Hat man nun in dieser Hinsicht kein Glück, so bleibt nur noch der "offene Kampf" hinter den Barrikaden. Auch hier werden vor dem "Fall" noch Verhandlungen geführt. (alles sind natürlich nur Scheingefechte) Bald sind die Barrikaden gestürmt und die einzelnen Kompanien nehmen ihre Gefangenen wieder in ihre Reihen auf, und der Schützenzug nimmt seinen Weg durch den Ort wieder auf. Wirklich ein Spiel, dass immer wieder viele Besucher aus der Umgebung anzieht.